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   Psychoanalytische europäische Forschungs-und Bildungsgruppe zu : die Ursachen des Illettrismus

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Illettrismus Topologie und Psychoanalyse : (in Französisch : Illettrisme psychanalyse et topologie)

 

SPÄTLESER   -  «Ich habe mich zu Tode geschämt für meine Schreibfehler. Ich dachte, ich sei der Einzige mit diesem Problem.»

 

 

 

 

 

 

 

(Reportage Migros-Magazin 35, 17. August 2004)

Mit Schwung platziert Alfred Hunziker aus Zofingen seine Aktenmappe auf den Tisch.
Ein fester Händedruck folgt und ein offener Blick in die Augen seines Gegenübers.
Der 40-Jährige arbeitet bei der Bank. «Sachbearbeiter Spedition», sagt er. Seine Vorgesetzten seien sehr zufrieden mit ihm.

Bis vor drei Jahren konnte Hunziker nur leidlich lesen. Und wenn er etwas schreiben musste, tat er das auf dem Niveau eines Zweitklässlers.
«Wenn ich etwas anschaue, das ich vorher geschrieben habe», sagt er, «dann denke ich: ‹Jesses Gott, was war denn da los?›». Vorher, das war, bevor der damalige Chauffeur Kurse beim Verein «Lesen und Schreiben für Erwachsene» in Aarau besuchte.
Hunzikers Problem nennt sich Illettrismus. Während es hier zu Lande kaum Menschen gibt, die überhaupt nicht lesen und schreiben können, sind vom Illettrismus fast zehn Prozent der Schweizer betroffen. Ihr Kennzeichen: sehr bescheidene Lese und Schreibkompetenzen. «Diese Menschen haben beispielsweise Mühe, der Packungsbeilage eines
Medikaments die richtige Dosierung zu entnehmen», schreibt die Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung auf ihrer Homepage.
Eine Welt hat sich aufgetan Für Alfred Hunziker bedeutete die Schreib- und Leseschwäche mehr als Probleme mit Beipackzetteln. «Ich fühlte mich immer klein wegen meines Makels», sagt er, «und hatte permanent Angst, entdeckt zu werden.»
Von der ersten Primarklasse an machten Hunziker Buchstaben Mühe. Lesenging nur langsam, mit dem Schreiben kam er gar nicht klar, besonders mit Dingen wie Doppel-S, Kommas, grammatikalischen Regeln und «anderen Details», wie er sagt.

Hunziker hatte viel beschäftigte Eltern und zwei Geschwister, die auch nicht helfen konnten. Das Interesse an Geschriebenem war in der ganzen Familie bescheiden.
«Meine Diktate waren rot vor lauter Korrekturen», sagt er, «aberdie Lehrer ignorierten das.» Wie kann
man so die Schulzeit absolvieren ?
«Mit Spicken und Mogeln», sagt Hunziker achselzuckend. Mal hat man ein Buch vergessen, dann schreibt man wieder ab. Durch häufigen Schul- und Lehrerwechsel fiel das nicht so auf.
Anders als die Schule machen Hunziker die Kurse, die er seit drei Jahren besucht, Freude. «Man fühlt
sich dort vom ersten Moment an respektiert und ernstgenommen», sagt er.
Und : Seit er ordentlich lesen und schreiben könne, habe sich ihm «eine Welt aufgetan». Er liest Tageszeitungen und Bücher über Psychologie. Im Geschäft braucht er sich nicht mehr zu
verstecken. «Ich bin ganz allgemein ruhiger geworden und gehe viel mutiger an eine Sache heran.» Bewerbungen, die früher seine Partnerin für ihn geschrieben hat, verfasst er selber.
Lesen und Schreiben als Hobby Jetzt hat Hunziker einen neuen Job, ein neues Selbstbewusstsein –
und einen neuen Freund. Der heisst ebenfalls Hunziker, aber Fritz. Er ist48-jährig, Vorarbeiter, kommt aus Schöftland AG und drückt schon seit vier Jahren die Erwachsenenschulbank
im Aarauer Francke-Gut. Hier haben sich die beiden Hunzikers kennen gelernt. In der gediegenen, von
Wiesen umgebenen Villa möchte man gerne Schüler sein. «Ich liebe die Kurse», schwärmt Fritz Hunziker denn auch, «sie sind für mich ein Hobby geworden.» Die Ursachen seines Illettrismus waren ähnlich wie bei Alfred: Grosse Schulklassen und ein geringes Interesse für die Schwierigkeiten des Einzelnen.

Bei Fritz wurde das Problem durch eine Legasthenie verschärft. «In der Schule wurde ich
einfach mitgeschleppt», sagt Hunziker. Er wurde aber auch gehänselt. Die Mutter versuchte zu helfen, was von der Schule jedoch nicht erwünscht war.
Fritz konzentrierte seine ganzen Kräfte auf den Sport und blühte dort auf. «Da ging alles, auch ohne Lesen und Schreiben», sagt er. Es folgten die Rekruten- und die Unteroffiziersschule, einige Jahre als Müller und dann der Wendepunkt: Sein Arbeitgeber musste die Firma schliessen und Fritz einen neuen Job suchen.
Da war er 37 und des Schreibens immer noch nicht mächtig.
Als im neuen Betrieb die Beförderung anstand, konnte Hunziker den Illettrismus nicht mehr verbergen. «Am Flipchart zu stehen und etwas präsentieren zu müssen war der Horror», sagt er.

Während zehn Kollegen staunten, wie viele Fehler in einem einfachen Satz Platz haben, schämte sich Hunziker fast zu Tode, wie er sagt: «Ich wünschte, es würde ein Drachen kommen und mich mitnehmen.»

Stattdessen entdeckte er die Zeitungsannonce mit dem Angebot «Lesen und Schreiben für
Erwachsene», und er kam zur Erkenntnis: «Viele Männer und Frauen haben die gleiche Schwäche
wie ich. Ich dachte immer, ich sei der Einzige.» «Jetzt bin ich viel offener»
Jetzt startet der zweifache Vater durch. Er pflegt eine Brieffreundschaft in Berlin und lässt seine Texte im Internet korrigieren. Nicht nur das Schreiben, auch Fremdsprachen will er beherrschen.
«Ich war früher schüchtern und verschlossen», sagt er, «jetzt bin ich viel offener.»
 

Mit seiner Euphorie möchte Fritz Hunziker so viele Leute wie möglich anstecken. Bisher noch ohne Erfolg. Aber er gibt nicht auf.
«Ich kann nicht mehr tun, als immer und immer wieder von meinem eigenen Erfolg zu erzählen», sagt er.

Yvette   H E T T I N G E R

 
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