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Sándor Ferenczi, "Zur psychoanalytischen Technik", (Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse , Bd. V., 1919, pp. 181-192).                                                                                                            www.psychanalyse-paris.com

 

 

 

 

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Zur psychoanalytischen Technik

 

1 - Mißbrauch der Assoziationsfreiheit

Auf der psychoanalytischen Grundregel Freuds, der Pflicht des Patienten, alles mitzuteilen, was ihm im Laufe der Analysenstunde einfällt, beruht die ganze Methode. Von dieser Regel darf man unter keinen Umständen eine Ausnahme gestatten und muß unnachsichtig alles ans Tageslicht ziehen, was der Patient, mit welcher Motivierung immer, der Mitteilung zu entziehen sucht. Hat man aber den Patienten, mit nicht geringer Mühe, zur wörtlichen Befolgung dieser Regel erzogen, so kann es vorkommen, daß sich sein Widerstand gerade dieser Grundregel bemächtigt und den Arzt mit der eigenen Waffe zu schlagen versucht:

Zwangsneurotiker greifen manchmal zum Auskunftsmittel, daß sie die Aufforderung des Arztes, alles, auch das Sinnlose mitzuteilen, wie absichtlich mißverstehend, nur sinnloses Zeug assoziieren. Läßt man sie ruhig gewähren und unterbricht sie nicht, in der Hoffnung, daß sie dieses Vorgehens mit der Zeit müde werden, so wird man oft in seiner Erwartung getäuscht; bis man schließlich zur Überzeugung gelangt, daß sie unbewußt die Tendenz verfolgen, den Arzt ad absurdum zu führen. Sie liefern bei dieser Art oberflächlicher Assoziation zumeist eine ununterbrochene Reihe von Worteinfällen, deren Auswahl natürlich auch jenes unbewußte Material, vor dem der Patient sich flüchtet, durchschimmern läßt. Zu einer eingehenden Analyse der einzelnen Einfalle kann es aber überhaupt nicht kommen, denn wenn wir etwa auf gewisse auffällige, versteckte Züge hinweisen, bringen sie statt der Annahme oder Ablehnung unserer Deutung einfach — weiteres ›sinnloses‹ Material. Es bleibt uns da nichts anderes übrig, als den Patienten auf das Tendenziöse seines Vorgehens aufmerksam zu machen, worauf er nicht ermangeln wird, uns gleichsam triumphierend vorzuwerfen: Ich tue ja nur, was Sie von mir verlangen, ich sage einfach jeden Unsinn, der mir einfällt. Zugleich macht er etwa den Vorschlag, man möge von der strengen Einhaltung der ›Grundregel‹ abstehen, die Gespräche systematisch ordnen, an ihn bestimmte Fragen richten, nach dem Vergessenen methodisch oder gar mittels Hypnose forschen. Die Antwort auf diesen Einwand fällt uns nicht schwer; wir fordern vom Patienten allerdings, daß er jeden Einfall, auch den unsinnigen, mitteile, verlangen aber durchaus nicht, daß er ausschließlich unsinnige oder unzusammenhängende Worte hersage. Dieses Benehmen widerspricht — so erklären wir ihm — gerade jener psychoanalytischen Regel, die jede kritische Auswahl unter den Einfällen verbietet. Der scharfsinnige Patient wird darauf erwidern, er könne ja nichts dafür, daß ihm lauter Unsinn eingefallen sei, und kommt etwa mit der unlogischen Frage, ob er von nun an das Unsinnige verschweigen solle. Wir dürfen uns nicht ärgern, sonst hätte ja der Patient seinen Zweck erreicht, sondern müssen den Patienten zur Fortsetzung der Arbeit verhalten. Die Erfahrung zeigt, daß unsere Mahnung, mit der freien Assoziation keinen Mißbrauch zu treiben, meist den Erfolg hat, daß dem Patienten von da an nicht nur Unsinn einfällt.

Eine einmalige Auseinandersetzung hierüber genügt in den seltensten Fällen; gerät der Patient wieder in Widerstand gegen den Arzt oder die Kur, so beginnt er nochmals sinnlos zu assoziieren, ja er stellt uns vor die schwierige Frage, was er wohl tun soll, wenn ihm nicht einmal ganze Worte, sondern nur unartikulierte Laute, Tierlaute, oder statt der Worte Melodien einfallen. Wir ersuchen den Patienten, jene Laute und Melodien wie alles andere getrost laut werden zu lassen, machen ihn aber auf die böse Absicht, die in seiner Befürchtung steckt, aufmerksam.

Eine andere Äußerungsform des ›Assoziationswiderstandes‹ ist bekanntlich die, daß dem Patienten ›überhaupt nichts einfällt‹. Diese Möglichkeit kann auch ohne weiteres zugegeben werden. Schweigt aber der Patient längere Zeit, so bedeutet das zumeist, daß er etwas verschweigt. Das plötzliche Stillwerden des Kranken muß also stets als ›passagères‹ Symptom gedeutet werden.

Langandauerndes Schweigen erklärt sich oft dadurch, daß der Auftrag, alles mitzuteilen, immer noch nicht wörtlich genommen wird. Befragt man den Patienten nach einer längeren Pause über seine psychischen Inhalte während des Schweigens, so antwortet er vielleicht, er hätte nur einen Gegenstand im Zimmer betrachtet, eine Empfindung oder Parästhesie in diesem oder jenem Körperteil gehabt usw. Es bleibt uns oft nichts anderes übrig, als dem Patienten nochmals auseinanderzusetzen, alles, was in ihm vorgeht, also Sinneswahrnehmungen ebenso wie Gedanken, Gefühle, Willensimpulse, anzugeben. Da aber diese Aufzählung nie vollständig sein kann, wird der Patient, wenn er im Widerstand rückfällig wird, immer noch eine Möglichkeit finden, sein Schweigen und Verschweigen zu rationalisieren. Manche sagen z. B., sie hätten geschwiegen, da sie keinen klaren Gedanken, sondern nur undeutliche, verschwommene Sensationen gehabt hätten. Natürlich beweisen sie damit, daß sie ihre Einfalle trotz gegenteiligen Auftrags immer noch kritisieren.

Sieht man dann, daß die Aufklärungen nichts fruchten, so muß man annehmen, daß der Patient uns nur zu umständlichen Aufklärungen und Erklärungen verlocken und dadurch die Arbeit aufhalten will. In solchen Fällen tut man am besten, dem Schweigen des Patienten das eigene Schweigen entgegenzusetzen. Es kann vorkommen, daß der größte Teil der Stunde vergeht, ohne daß Arzt oder Patient auch nur ein Wort gesprochen hätten. Das Schweigen des Arztes kann der Patient schwer ertragen; er bekommt die Empfindung, daß ihm der Arzt böse ist, das heißt, er projiziert sein schlechtes Gewissen auf den Arzt, und das bringt ihn schließlich dazu, nachzugeben und mit dem Negativismus zu brechen.

Selbst durch die Drohung des einen oder anderen Patienten, vor Langweile einzuschlafen, dürfen wir uns nicht beirren lassen; allerdings schlief in einigen Fällen der Patient für kurze Zeit wirklich ein, doch aus dem raschen Erwachen mußte ich darauf schließen, daß das Vorbewußte auch während des Schlafens an der Kursituation festgehalten hatte. Die Gefahr, daß der Patient die ganze Stunde verschläft, besteht also nicht. 

Mancher Patient erhebt den Einwand gegen das freie Assoziieren, daß ihm zu vieles auf einmal einfällt und er nicht weiß, was er davon zuerst mitteilen soll. Gestattet man ihm, die Reihenfolge selbst zu bestimmen, so antwortet er etwa, er könnte sich nicht entschließen, dem einen oder dem anderen Einfall den Vorzug zu geben. In einem solchen Falle mußte ich zum Auskunftsmittel greifen, vom Patienten alles in der Reihenfolge erzählen zu lassen, wie es ihm eingefallen ist. Der Patient antwortete mit der Befürchtung, es könnten so, während er den ersten Gedanken der Reihe verfolgt, die anderen in Vergessenheit geraten. Ich beruhigte ihn mit dem Hinweis, daß alles, was wichtig ist — auch wenn es zunächst vergessen scheint — später von selbst zum Vorschein kommen wird. 

Auch kleine Eigenheiten in der Art des Assoziierens haben ihre Bedeutung. Solange der Patient jeden Einfall mit dem Satze einleitet: »Ich denke daran, daß …«, zeigt er uns an, daß er zwischen Wahrnehmung und Mitteilung des Einfalles eine kritische Prüfung einschaltet. Manche ziehen es vor, unliebsame Einfalle in die Form einer Projektion auf den Arzt zu kleiden, indem sie etwa sagen: »Sie denken sich jetzt, ich meine damit, daß …«, oder: »Natürlich werden Sie das so deuten, daß …« Auf die Aufforderung, die Kritik auszuschalten, replizieren manche: »Kritik sei schließlich auch ein Einfall«, was man ihnen ohne weiteres zugeben muß, nicht ohne sie darauf aufmerksam zu machen, daß, wenn sie sich streng an die Grundregeln halten, es nicht vorkommen kann, daß die Mitteilung der Kritik der des Einfalls vorausgeht oder sie gar ersetzt.

In einem Falle war ich genötigt, der psychoanalytischen Regel direkt widersprechend, den Patienten dazu zu verhalten, den angefangenen Satz immer zu Ende zu erzählen. Ich merkte nämlich, daß, sobald der begonnene Satz eine unangenehme Wendung nahm, er ihn nie zu Ende sagte, sondern mit einem ›Apropos‹ mitten im Satze auf etwas Unwichtiges, Nebensächliches ausglitt. Es mußte ihm erklärt werden, daß die Grundregel zwar nicht das Zuendedenken eines Einfalles, wohl aber das Zuendesagen des einmal Gedachten fordert. Es hatte aber zahlreicher Mahnungen bedurft, bis er das lernte.

Auch sehr intelligente und sonst einsichtsvolle Patienten versuchen manchmal, die Methode der freien Assoziation dadurch ad absurdum zu führen, daß sie uns vor die Frage stellen: was aber, wenn ihnen einfiele, plötzlich aufzustehen und wegzulaufen, oder den Arzt körperlich zu mißhandeln, totzuschlagen, ein Möbelstück zu zertrümmern usw. Wenn man ihnen dann erklärt, daß sie nicht den Auftrag bekamen, alles zu tun, was ihnen einfällt, sondern nur alles zu sagen, so antworten sie zumeist mit der Befürchtung, sie könnten Denken und Handeln nicht so scharf trennen. Wir können solche Überängstliche beruhigen, daß diese Befürchtung nur eine Reminiszenz aus der Kinderzeit ist, wo sie solcher Unterscheidung tatsächlich noch nicht fähig waren.

In selteneren Fällen werden allerdings die Patienten von einem Impuls förmlich überwältigt, so daß sie, anstatt weiter zu assoziieren, ihre psychischen Inhalte zu agieren anfangen. Nicht nur, daß sie statt der Einfalle ›passagere Symptome‹ produzieren, sondern sie führen manchmal bei vollem Bewußtsein komplizierte Handlungen aus, ganze Szenen, von deren Übertragungs- oder Wiederholungsnatur sie nicht die geringste Ahnung haben. So sprang ein Patient bei gewissen aufregenden Momenten der Analyse vom Sofa auf, ging im Zimmer auf und ab und stieß dabei Schimpfworte aus. Die Bewegungen sowohl als die Schimpfworte fanden dann in der Analyse ihre historische Begründung.

Eine hysterische Patienten vom infantilen Typus überraschte mich, nachdem es mir gelungen war, sie zeitweilig von ihren kindlichen Verführungstechniken (fortwährendes flehentliches Anschauen des Arztes, auffällige oder exhibitionistische Toiletten) abzubringen, mit einer unerwarteten direkten Attacke; sie sprang auf, verlangte geküßt zu werden, wurde schließlich auch handgreiflich. Es versteht sich von selbst, daß den Arzt auch derartigen Vorkommnissen gegenüber die wohlwollende Geduld nicht verlassen darf. Er muß immer und immer wieder auf die Übertragungsnatur solcher Aktionen hinweisen, denen gegenüber er sich ganz passiv zu verhalten hat. Die entrüstete moralische Zurückweisung ist in einem solchen Falle ebensowenig am Platze, wie etwa das Eingehen auf irgend eine Forderung. Es zeigt sich dann, daß die Angriffslust der Kranken bei solchem Empfang rasch ermüdet und die — übrigens analytisch zu deutende — Störung bald beseitigt ist.

In einem Aufsatz ›über obszöne Worte‹ stellte ich bereits die Forderung, daß man den Patienten die Mühe der Überwindung des Widerstandes gegen das Aussprechen gewisser Worte nicht ersparen darf. Erleichterungen, wie das Aufschreibenlassen gewisser Mitteilungen, widersprechen den Zwecken der Kur, die ja im Wesen gerade darin besteht, daß der Patient durch konsequente und immer fortschreitende Übung über innere Widerstände Herr wird. Auch wenn der Patient sich anstrengt, etwas zu erinnern, was der Arzt wohl weiß, darf ihm nicht ohne weiteres geholfen werden, sonst kommt man um die eventuell wertvollen Ersatzeinfälle.

Natürlich darf dieses Nichthelfen des Arztes kein durchgängiges sein. Wenn es uns momentan weniger um das turnerische Üben der Seelenkräfte des Kranken, sondern um die Beschleunigung gewisser Aufklärungen zu tun ist, so werden wir Einfälle, die wir im Patienten vermuten, die aber jener nicht mitzuteilen wagt, einfach vor ihm aussprechen und ihm auf diese Art ein Geständnis abgewinnen. Die Situation des Arztes in der psychoanalytischen Kur erinnert eben vielfach an die des Geburtshelfers, der sich ja auch möglichst passiv zu verhalten, sich mit der Rolle des Zuschauers bei einem Naturprozeß zu bescheiden hat, in kritischen Momenten aber mit der Zange bei der Hand sein muß, um den spontan nicht fortschreitenden Geburtsakt zum Abschluß zu bringen.  



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